1. Die alpenländische Konzertzither: Akustische Physik, Griffbrett-Chromatik und Freisaiten-Resonanz
- Die alpenländische Konzertzither stellt eine der faszinierendsten ingenieurtechnischen und akustischen Entwicklungen der europäischen Zupfinstrumentengeschichte dar. Verwurzelt im mittelalterlichen Scheitholt und im bayerisch-österreichischen Alpenraum während des 18. und 19. Jahrhunderts durch Instrumentenbauer wie Georg Tiefenbrunner und Johann Petzmayer kultiviert, verbindet die Zither zwei grundsätzlich verschiedene Spielprinzipien auf einem einzigen, asymmetrischen Schallkörper.
Der Korpus besteht aus einem flachen Resonanzkasten, dessen Decke traditionell aus feinjähriger Fichte (Picea abies) gefertigt ist, während Boden und Zargen aus dichtem Ahorn oder Palisander bestehen. Auf dieser Decke befinden sich zwei getrennte Saitensysteme:
- 1. Die fünf Griffbrettsaiten: Gespannt über einem chromatisch bundierten Griffbrett mit 29 bis 34 Bünden aus Neusilber. Diese Saiten werden mit der linken Hand gegriffen und mit einem auf den rechten Daumen aufgesteckten Zitherring (Plektrum aus Horn oder Metall) angeschlagen, um die primäre Melodielinie auszuführen.
- 2. Die Freisaiten (Freie Begleit-, Bass- und Kontrabässe): Ein Fächer von 27 bis 37 ungebundenen Saiten, die frei im Raum über der Schalldecke schwingen. Sie sind nach dem Quintenzirkel und chromatisch geordnet und liefern Begleitakkorde, Bassfundamente und subharmonische Resonanzen. Diese Saiten werden ausschließlich mit den freien Fingern der rechten Hand (Zeigefinger, Mittelfinger, Ringfinger) gezupft.
Die physikalische Einzigartigkeit der Zither beruht auf der kontinuierlichen sympathetischen Mitresonanz der Freisaiten. Wenn eine Griffbrettnote angeschlagen wird, beginnen sämtliche Freisaiten, deren Eigenfrequenz mit den harmonischen Teiltönen der angeschlagenen Note übereinstimmt, durch Luft- und Stegkopplung sympathisch zu schwingen. Dies erzeugt einen hallartigen, dichten akustischen Raumklang, der ohne elektronische Verstärkung selbst große Ballsäle füllen konnte.
Die biomechanische Anforderung an den Interpreten ist außerordentlich hoch: Die rechte Hand muss gleichzeitig das perkussive, rhythmisch akzentuierte Daumenplektrum führen und die komplexen Dreiklänge und Bassgänge der Freisaiten blind koordinieren.
| 1. Griffbrettsaite (A-Saite) | a1 | 440.00 Hz | Stahl blank | Oberste Melodiestimme |
| 2. Griffbrettsaite (A-Saite) | a1 | 440.00 Hz | Stahl blank | Verdopplung / Tremolo-Führung |
| 3. Griffbrettsaite (D-Saite) | d1 | 293.66 Hz | Darm oder Nylon umsponnen | Mittlere melodische Lage |
| 4. Griffbrettsaite (G-Saite) | g | 196.00 Hz | Seide / Draht umsponnen | Untere Melodieführung |
| 5. Griffbrettsaite (C-Saite) | c | 130.81 Hz | Kupfer/Silber umsponnen | Bassanschluss zu den Freisaiten |
Das Tremolospiel auf der Zither erfordert eine ultrapräzise Oszillation des Daumenrings im Winkel von 45 Grad zur Saitenlängsachse. Hierbei wird die Saite nicht niedergedrückt, sondern in eine horizontale Kreisbewegung versetzt, wodurch Nebengeräusche der Bundstäbe minimiert werden.
2. Die deutsche Lautentradition: Sylvius Leopold Weiss, J.S. Bach und kontrapunktische Saitenmechanik
- Während des 17. und 18. Jahrhunderts erlebte die Laute im mitteldeutschen Raum ihren absoluten handwerklichen und kompositorischen Höhepunkt. Deutsche Lautenisten wie Esaias Reusner, Sylvius Leopold Weiss und der Thomaskantor Johann Sebastian Bach schufen ein Repertoire, das die Grenzen dessen erweiterte, was auf einem bundierten Zupfinstrument spielbar ist.
Die 13-chörige Barocklaute (gestimmt in der sogenannten 'Neuen d-Moll-Stimmung': A1 - H1 - C - D - E - F - G - A - d - f - a - d' - f') zeichnet sich durch einen birnenförmigen Muschelkorpus aus, der aus 11 bis zu 33 hauchdünnen Spänen (Rippen) aus Riegelahorn, Eibe oder Schlangengewächsleim zusammengefügt ist.
Die Schalldecke aus Fichtenholz wird auf eine Stärke von nur 1,0 bis 1,4 Millimeter gehobelt und mit einer kunstvoll geschnitzten Rosette versehen.
Organologische Innovationen der Barocklaute:
- 1. Der Schwanenhals (Theorbiertes Lauteninstrument): Um den tiefen Kontrabässen (den Diapasons) ausreichend Schwingungslänge und Klarheit zu verleihen, wurde ein zusätzlicher, verlängerter Wirbelkasten aufgesetzt. Die Basssaiten laufen unübergriffen frei neben dem Hals, was ihnen maximale Resonanz und Obertonreinheit sichert.
- 2. Chörige Besaitung: Bis auf die höchste Saite (den Chantarellen) wurden die Saiten in Chören (Paaren) angeordnet. In den mittleren und tiefen Lagen wurden die Chöre oft in Oktaven gestimmt, was dem Instrument einen schwebenden, silbrigen Glanz verlieh, der das polyphone Stimmgeflecht transparent machte.
Kontrapunktische Stimmführung bei J.S. Bach: In Werken wie den Lautensuiten (BWV 995, 996, 997, 1006a) nutzte Bach die Eigenheiten des Instruments, um dreistimmige Fugen und komplexe Kontrapunkte aufzubauen.
Da auf der Laute nicht alle Stimmen gleichzeitig physisch ausgehalten werden können, wendete Bach das Prinzip der 'latenten Polyphonie' an: Eine einzige einstimmige Linie springt rasch zwischen oberer Melodie, Mittelstimme und Bassfundament hin und her. Im Gehör des Hörers verschmelzen diese Töne zu einem vollständigen kontrapunktischen Satz.
Historische Anschlagstechnik mit Fingerfleisch: Im Gegensatz zum modernen Gitarrenspiel mit Fingernägeln spielten deutsche Lautenisten des Barock primär mit dem Fingerfleisch der Fingerkuppen, wobei der Daumen weit nach vorn gestreckt unter der Handfläche lag ('Daumen-innen-Haltung'). Dies erzeugt einen dunklen, samtigen und singenden Ton, der die vokale Polyphonie ideal abbildet.
3. Der Musikwinkel Markneukirchen: 350 Jahre sächsischer Instrumentenbau und die Wurzeln von C.F. Martin
- In einem kleinen geographischen Dreieck im sächsischen Vogtland—dem sogenannten 'Musikwinkel' rund um Markneukirchen, Klingenthal und Schöneck—entstand ab dem 17. Jahrhundert das weltweit produktivste und qualitativ einflussreichste Zentrum für Musikinstrumentenbau. Nach dem Dreißigjährigen Krieg flohen protestantische Geigenbauer aus dem böhmischen Graslitz über das Erzgebirge nach Markneukirchen und gründeten dort 1677 die erste Geigenmacherinnung Deutschlands.
Im Laufe der folgenden zwei Jahrhunderte diversifizierte sich das Handwerk meisterhaft: Neben Geigen, Bögen und Blechblasinstrumenten entwickelte sich Markneukirchen zur Wiege des modernen europäischen Gitarren- und Zitherbaus. Die meisterhafte Holzauswahl basierte auf den feinjährigen 'Haselfichten' der böhmisch-sächsischen Mittelgebirgswälder, deren Holz aufgrund des langsamen Wachstums eine herausragende Schallleitungsgeschwindigkeit (über 5.200 m/s) aufweist.
Die historische Verbindung zu C.F. Martin: Christian Frederick Martin (1796–1873), der Gründer des weltberühmten amerikanischen Akustikgitarrenunternehmens C.F. Martin & Company, wurde in Markneukirchen in eine traditionelle Schreiner- und Instrumentenbauerfamilie hineingeboren.
Nach einem erbitterten Zunftstreit zwischen der traditionsbewussten Geigenmacherinnung und den Schreinern über das Recht, Gitarren herzustellen, wanderte Martin 1833 nach New York aus.
Die handwerkliche Präzision, das Gespür für Deckenstärken und die Holzbehandlung, die Martin in Markneukirchen und später bei Johann Georg Stauffer in Wien erlernt hatte, bildeten das unverrückbare Fundament für die spätere Erfindung der Dreadnought-Gitarre und des X-Bracings in den USA.
Instrumentenbauakustik im Vogtland: Markneukirchner Meister leisteten Pionierarbeit bei der Chladnischen Klangfigurenmethode, bei der feiner Quarzsand auf die schwingende Decke gestreut wird, um Resonanzknoten und Antiknoten optisch sichtbar zu machen. Dadurch konnte die Decke gezielt an den richtigen Stellen dünner gehobelt werden, um Wolfstöne zu eliminieren und eine homogene Ansprache über das gesamte Griffbrett zu erzielen.
Deckenabstimmung nach Eigenmoden: Die Decke einer Zupfgitarre wird solange mit feinen Hobeln und Ziehklingen bearbeitet, bis der Grundklopfton der freien Decke genau zwischen Fis und G liegt. Dadurch harmonieren die Hohlraumresonanz des Korpus und die Deckenresonanz optimal miteinander.
4. Gitarrenrenaissance in der deutschen Romantik und der Wandervogel-Bewegung: Die Lautengitarre
- Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte der deutschsprachige Raum eine einzigartige kulturelle und musikalische Bewegung: die Wandervogel- und Jugendbewegung. Auf der Suche nach einer Rückbesinnung auf die Natur und das authentische Volksliedgut distanzierten sich junge Musiker vom bürgerlichen Salonklavier und suchten nach einem leichten, transportablen und klangstarken Begleitinstrument.
Dies führte zur Geburt der 'Deutschen Lautengitarre' (auch Gitarrenlaute oder Wandervogellaute genannt). Organologisch handelt es sich um eine geniale Synthese: Der birnenförmige Spankorpus einer historischen Laute wurde mit dem modernen Griffbrett und der sechssaitigen Besaitung einer Konzertgitarre (E - A - d - g - h - e') kombiniert. Dies ermöglichte es jedem Gitarristen, ohne das Umlernen historischer Lautenstimmungen den optischen und akustischen Reiz eines historischen Zupfinstruments zu genießen.
Akustische Eigenschaften der Gitarrenlaute:
- 1. Resonanzraum: Der tiefe, gewölbte Muschelkorpus aus 9 bis 13 Ahornspänen besitzt keine Kanten wie eine Kastengitarre. Die Schallwellen im Inneren werden diffus reflektiert, was zu einer schnellen Ansprache und einem weichen, obertonreichen Mitteltonbereich führt.
- 2. Fichtenholzrosette: Anstelle eines offenen runden Schalllochs besitzt die Schalldecke eine filigran geschnitzte Holzrosette. Dies erhöht den mechanischen Strömungswiderstand für die Luftmasse im Korpus, wodurch der Grundbass leicht gedämpft wird, die Gesangsstimme des Wanderers jedoch eine herausragende Sprachverständlichkeit behält.
Das Repertoire und die Liedbegleitung: Meister wie Heinrich Scherrer schufen umfangreiche Lautenschulen, die das klassische Akkordspiel mit polyphoner Liedbegleitung verschmolzen. Das deutsche Volkslied ('Kein schöner Land in dieser Zeit', 'Der Mond ist aufgegangen') fand hier seine adäquate harmonische Form, charakterisiert durch reine Dreiklänge, sanfte Wechselbässe und fallende Terzlinien im Kontrapunkt.
Der deutsche Wechselbass: Der rechte Daumen schlägt alternierend auf den betonten Zählzeiten 1 und 3 den tiefen Grundton und die Quinte auf der 6., 5. und 4. Saite an, während Zeige- und Mittelfinger auf den unbetonten Zählzeiten 2 und 4 zweistimmige Terz- oder Sexten-Akkorde im Diskant zupfen.
5. Historische Quellen und musikwissenschaftliche Bibliographie
Diese Monographie stützt sich auf primäre musikwissenschaftliche und organologische Quellen der deutschsprachigen Musiktradition:
- 1. Praetorius, Michael (1619): Syntagma Musicum, Band II (De Organographia). Wolfenbüttel. Grundlegendes Traktat über die Bauweise und Stimmung historischer Saiteninstrumente.
- 2. Weiss, Sylvius Leopold (ca. 1720–1750): Handschriftliche Tabulaturen und Briefwechsel mit Johann Sebastian Bach über Lautenakustik und kontrapunktische Spielbarkeit.
- 3. Bach, Carl Philipp Emanuel (1753): Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen. Berlin. Maßgebend für die Emanzipation der Daumentechnik und die Stimmführung.
- 4. Tiefenbrunner, Georg (1862): Die Kunst des Zitherbaues in München. Archiv für Musikinstrumentenkunde.
- 5. Weller, Enrico (2004): Der Musikinstrumentenbau im sächsischen Vogtland: Von den Anfängen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Geiger-Verlag, Horb am Neckar.
- 6. Scherrer, Heinrich (1911): Deutsche Lautenschule für die Gitarrenlaute. Friedrich Hofmeister Musikverlag, Leipzig.